A)

Der Kulturbegriff wird als diffus, unklar und unbestimmt angesehen. Dass er also oft als Teil eines antagonistisch gedachten Begriffspaares vorgestellt wird, zeigt zum einen, dass Kultur auch nicht vor ihrer wissenschaftlichen Erfassung halt macht und zum anderen ist das Ausdruck der Ausdifferenzierung von Gesellschaft mit welcher eine kulturelle Vielfalt einhergeht, die es unmöglich macht, heute noch von einer Kultur im Singular zu sprechen (vgl. Schroer 2010: 199). Die Kulturperspektive interessiert sich hauptsächlich für das wie und das was - wie und was gegessen wird, gearbeitet wird, etc. Wie die Individuen die alltäglichen Praxen gestalten und interpretieren, ist im Vergleich sehr verschieden und eben dieser Unterschied wird konstituiert. Dementsprechend ist Kultur auf stetige Erzeugung von Differenzen aus (vgl. ebd.).

Um dies aus einer etwas anderen Perspektive zu erläutern, wird der Kulturbegriff nun mit dem Zivilisationsbegriff in Kontext gesetzt. Obwohl Zivilisation und Kultur noch bis ins 18. Jahrhundert nahezu gänzlich als Synonyme aufgefasst wurden, handelt es sich hierbei eigentlich um Gegensätze. Je nach Sprache weisen die Begriffe sogar unterschiedliche Bedeutung auf. Zivilisation im Deutschen beispielsweise bleibt auf äußerlich sichtbares Verhalten bezogen. Im Englischen und Französischen bezieht sich der Begriff jedoch auf unterschiedliche Phänomene, wie zum Beispiel der Stand der Technik oder die Entwicklung der Wissenschaft. Kultur ist also kein Begriff, der auf die Oberfläche, respektiv die Außenseite des menschlichen Daseins bezogen ist und bezieht sich somit nicht auf politische, wirtschaftliche, technische, moralische, religiöse oder gesellschaftliche Faktoren (vgl. Schroer 2010: 201).

Pierre Bourdieu beschreibt in seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ aus dem Jahr 1982 seine Annahme einer Klassenstruktur der Gesellschaft. Der Kapitalbegriff spielt hier eine große Rolle und er fügt dem ökonomischen Kapital das soziale und das kulturelle Kapital hinzu. Letzteres teilt der Soziologe weiter auf in objektiviertes, institutionalistiertes und inkorporiertes Kulturkapital. Er har somit den ökonomisch verengten Blick der traditionellen Klassentheorie um eine kulturelle Dimension erweitert (vgl. Schroer 2010: 206).

Niklas Luhmann hingegen zählt den Kulturbegriff zu den schlimmsten Begriffen, die je gebildet wurden, da er dem Soziologen über eine derart große Bedeutungsvielfalt verfügt, dass er ihm für wissenschaftliche Zwecke kaum mehr geeignet zu sein scheint (vgl. Schroer 2010: 209). In Luhmanns Augen bildet Kultur kein System, hat weder eine Integrations- noch eine Sinnstiftungsfunktion und lässt sich nicht als reine Sphäre des Geistes oder als Summer aller gesellschaftlich relevanten Werte verstehen (vgl. ebd.). Somit ist sie also all das nicht, für was sie immer gehalten wurde, sondern vielmehr ein Beobachtungsschema. Wenn man etwas als Kultur beobachtet, setzt man es dem „Säurebad der Kontingenz“ (Schroer 2010: 210) aus - alles was ist, könnte auch anders sein. Kultur ist laut Luhmann also nichts anderes als Vergleichen.




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