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Kultur ist nicht Natur weil Kultur immer artifiziell sein muss. Schon etymologisch ist die Abtrennung von Kultur und Natur erkennbar. Wie von Schroer dargestellt ist der Begriff der 'Kultur' auf den lateinischen Begriff 'colere' also 'pflegen, bebauen, bestellen' zurückzuführen.1 Kultur bedeutet demnach eine Überwindung der wilden Natur durch Domestizierung und die Etablierung einer sozialen Ordnung, welche nicht mehr durch natürliche Kausalbeziehungen bestimmt wird. Erst in dem Rollenverteilungen, Tagesabläufe und hierarchische Strukturen nicht mehr durch natürliche Einflüsse bestimmt werden, kann eine Kultur, als Gesamtheit der strukturierenden und formgebenden Dynamiken, entstehen. Kultur ist damit der Gegensatz zur Natur. Soweit, so unproblematisch. Problematisch wird die Trennung zwischen Kultur und Natur an dem Punkt, an dem kulturelle Eigenheiten unterschiedlicher sozialer Gruppen auf natürliche Faktoren zurückgeführt werden. Also die jeweiligen Handlungen sozialer Akteure auf natürliche Determination, eine solche Tendenz lässt sich vor allem bei Anthropologen Mitte des 20. Jahrhunderts beobachten. Während in der Konzeption Plessners die 'exentrische Positionalität' noch als Modus der Reflektion des Menschen als kulturelles Wesen dient, vermischt sich in der Konzeption des NSDAP-Mitglieds Arnold Gehlen rassistische und antisemitische Weltanschauung mit anthropologischen Konzeptionen. Aus einem mutmaßlichen Mangel des Menschen leitet jener die Notwendigkeit ab, diese Mängel durch technische und kulturelle Artefakte auszugleichen. Die Kultur ist damit nicht mehr ein zufällig entstandenes Phänomen, sondern erinnert an eine biologisch und evolutionäre Notwendigkeit, ist also natürlich determiniert. Oder mit den Worten Schroers, es „[...]ist die Natur des Menschen[...], ein Kulturwesen zu sein[...]“2. Die Vorstellungen jener Kulturen, von westlich sozialisierten weißen Männern in dunklen Studierzimmern herbei phantasiert, entsprechen in keiner Weise der tatsächlich existierenden Kulturen, geschweige denn, dass sie nicht europäische Gesellschaftskonstellationen berücksichtigen. Diese exklusive Kulturdefinition nach dem Beispiel einer christlich, weißen, mitteleuropäischen Mehrheitsgesellschaft erkennt hinter jeder Abweichung der mutmaßlichen Norm eine Entartung des Kulturellen. Kultur wird damit mehr zu einem Herrschaftsinstrument der Gleichheit und Legitimationsgrundlage für Kolonialismus und Rassismus. Ist man nicht bereit die Trennung von Kultur und Natur anzuerkennen, dann begibt man sich der Gefahr, gerade solche Argumentationen zu stützen und zu legitimieren. Indem angenommen wird abhängig der natürlichen Entwicklung des Menschen würden unterschiedliche Kulturen entstehen, verfehlt man nicht nur die Definition von Kultur, sondern ebnet auch den Weg für Menschenfeindlichkeit. Auf diese Gefahr weist Schroer selbst explizit hin.3

Was jedoch nicht bedeuten soll, dass der Mensch als kulturelles Wesen von der Natur vollständig getrennt existiert. Der Mensch bleibt (zumindest auf dem aktuellen Stand der Technik) Tier und damit ist er, im Gegensatz zur Kultur, auch natürlich. Es scheint, dass der Mensch als Vermittlung zwischen Kultur und Natur fungiert, er ist natürlich und artifiziell-kulturell. Ebenso wie sich die Natur nicht in der Existenz des Menschen erschöpft, so erschöpft sich die Kultur nicht im Menschen. Es stellt sich somit die Frage, ob der Mensch tatsächlich das einzige Maß der Kultur ist. Es könnte eine zweite negativ Definition der Kultur entwickelt werden. Kultur ist nicht der Mensch, weil Kultur mehr umfasst als den Menschen. Es ist offensichtlich, besonders wenn man die in diesem Kommentar entwickelte erste Argumentation aufrechterhalten möchte, dass die Kultur auf den Menschen zurückzuführen ist. Fraglich bleibt jedoch, ob sich die Kultur unabhängig von dem bewussten Eingreifen der Menschen weiterentwickeln kann. Sich also im Zuge ihrer Ausdifferenzierung von dem menschlichen Einfluss emanzipiert. Eine solche Entwicklung ist laut Gilbert Simondon vor allem bei technischen Artefakten zu beobachten, er spricht dabei sogar von einer „technischen Evolution“4. In der Folge der Spezialisierung von technischen Artefakten entwickeln sich eigenständige Bereiche der Öffentlichkeit, welche explizit auf die Anforderungen der jeweiligen technischen Artefakte ausgerichtet sind. Prominent wird dies von Simondon anhand der Entwicklung von Landebahnen für Düsenflugzeuge dargestellt.5 Ungeachtet der Bedeutung, welche man technischen Artefakten zur Etablierung von Normen und sozialen Strukturen zuschreibt, lässt sich beobachten, dass Technik wesentlich an der Gestaltung und Konstruktion einer Kultur beteiligt ist. Dies lässt sich zum Beispiel anhand von Schrifttechniken veranschaulichen. Durch Schrift und die daraus resultierende Möglichkeit Wissen, Historie und Geschichten zu konservieren entsteht kulturelle Selbstzuschreibung, welche sich selbst, sowie auch eine normative Ordnung schriftlich verfestigt.

Obwohl selbstverständlich der Mensch in schriftlichen Überlieferungen den Maßstab bildet, auch an jenen Stellen in denen anthropomorphe Gottheiten konstruiert werden, so entzieht sich die Geschichtlichkeit selbst, zumindest partiell, dem menschlichen Einfluss, gleichzeitig dient sie jedoch, außer wenige Ausnahmen von nicht-schriftlichen Völkern, maßgeblich zur Etablierung von Kultur. Woraus sich jetzt schließlich auch eine positive Definition von Kultur ableiten lässt. Kultur ist Geschichtlichkeit, weil Kultur historisch bestimmt ist.

Einen historischen Zugang zur Definition der Kultur wählt auch Norbert Elias, auch wenn er Kultur im wesentlichen unter dem Begriff der Zivilisation greift. Elias beschreibt eine Soziogenese, welcher er auf eine Psychogenese zurückführt. Unter Psychogenese versteht Elias die Annäherung von Individuen an eine gesellschaftliche Norm und deren Verinnerlichung. Wie zum Beispiel die Nutzung von Besteck, welche sich zunächst in der europäischen Oberschicht verbreitete und dann vom aufstrebenden Bürgertum kopiert wurden, um schließlich eine Soziogenese zu erwirken, also die Etablierung von kulturellen Normen im Essverhalten.6 Elias begreift Kultur also also etwas dynamisch-wandelbares. Der Fokus liegt hierbei besonders auf der Vernetzung von gesellschaftlichen und kulturellen Normen. Problematisch bei Elias bleibt der Begriff der Zivilisation, welcher weitestgehendst undefiniert bleibt.

1Vgl. Markus Schroer; Kultursoziologie; S. 200.

2Ebd.

3Vgl. ebd f.

4Gilbert Simondon; Die Existenzweise technischer Objekte. Diaphanes Verlag; Zürich; 2012; S. 47.

5Vgl. ebd f.

6Vgl. Norbert Elias; Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Band I. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main; 1978; S. 110 f.



Comments

JG
Jonathan Gruhler teacher April 25, 2021, 3:22 PM

Ihren Gedanken "Der Mensch bleibt [...] auch natürlich. Es scheint, dass der Mensch als Vermittlung zwischen Kultur und Natur fungiert, er ist natürlich und artifiziell-kulturell." finde ich überzeugend und Sie haben ihn sehr gut begründet. Man kann es vielleicht so begreifen, dass der Mensch "mehr" sein "will" oder "muss" als die Natur (nämlich Kultur) aber trotzdem in ihr verankert bleibt, weil er aus ihr hervorgegangen scheint. Die sprachliche Unterscheidung der zwei Begriffe, selbst ein kulturelles (und eben nicht natürliches) Konstrukt gibt es dem Menschen die Möglichkeit sich gegenüber anderen Lebensformen abzugrenzen (auch zu beherrschen), dies kann dann dabei auch als Vormachtstellung gegenüber anderen Menschen (welche weniger kultiviert sind) nutzbar gemacht werden.

MZ
Malte Zeuner May 4, 2021, 3:22 PM
Replying to Jonathan Gruhler

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher ob man wirklich von einer Zielgerichtetheit des Menschen sprechen kann, was ein 'will' oder ein 'muss' implizieren würde. Gehlen setzt zwar ein 'muss' voraus, aber seine Vorstellung des 'Mängelwesens' finde ich nicht überzeugend. Auf was ich besonders hinaus wollte ist, und das ist sicherlich ein kontroverser (wenn nicht sogar einfach falscher) Punkt, dass der Mensch grundsätzlich keinen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung nehmen kann. Also kultureller Wandel und Ausbau als ein emergenter Prozess aufgefasst werden sollte. Damit könnten dann auch kulturelle Unterschiede erklärt werden, die ja objektiv existieren, ohne diese jedoch zu werten und in höher entwickelte und niedriger entwickelte Kulturen zu unterteilen. Die Frage die ich mir bei den Überlegungen gestellt hatte war ob man Kultur immer aus einer Perspektive des klassischen Humanismus betrachten sollte. Oder ob es alternative Möglichkeiten gibt. Zum Beispiel aus der Perspektive eines 'kritischen Posthumanismus' wie er von Janina Loh oder Stefan Herbrechter dargestellt wird.

JG
Jonathan Gruhler teacher May 4, 2021, 3:22 PM
Replying to Jonathan Gruhler

Vielen Dank für ihre Anwort, die spannende Gedanken aufwirft (die Verbindung zu Gehlen werde ich mir nochmal anschauen). In den philosophischen Fragen sind Sie besser geschult als ich. Soziologisch relevant wird der Kulturbegriff dann, wenn wir die Sinngebung des Menschen auch auf seine Handlungen beziehen. Auf die Art und Weise, wie überhaupt gemeinsam Sinn hergestellt werden kann. Eine "funktionalistische" Begriffsdeutung in der Form "Die Unterscheidung des Begriffs der Kultur und der Natur dient dem Menschen sich von anderen Lebewesen (auch anderen Menschen) abzugrenzen" hat den Vorteil, das hieraus direkt Handlungsanweisungen, wie zum Beispiel "Die Natur sei dem Menschen unterzuordnen" abzuleiten wären. In der Soziologie versuchen wir die sozialen Phänomene (Kategorie Kultur in der Sprache) in der Regel konkret wieder an Sozialität zurückzubinden (Welche gesellschaftlichen Ursprünge könnte der Begriff in sich bergen?). Somit werden philosophische Fragen (teilweise) externalisisiert. Ich hoffe, das ist nachvollziehbar. Und ehrlicherweise bin ich mir hier aber auch selbst nicht so sicher. Bitte verstehen Sie dies also mehr als einen Denkanstoss, als gesichertes Wissen.

MZ
Malte Zeuner May 4, 2021, 3:22 PM
Replying to Jonathan Gruhler

Vielen Dank für die sehr schnelle Antwort! Vielleicht lässt sich auch eine soziologische Sinngebung (insofern man Sinngebung nicht normativ versteht) aus einer nicht zwangsweise auf den Menschen (alleine) zurückzuführenden Kultur ableiten? Ich denke da an eine technische Normierung der Umwelt, welche ja mit spezifischen Handlungsanweisungen verbunden ist. Zum Beispiel bei Rot an der Ampel stehen zu bleiben, Zigarettenstummel in den Aschenbecher zu werfen. Kann es nicht sein, dass eine prinzipiell vom Menschen unabhängige Kulturdynamik (mir fällt da kein besseres Wort ein) den Menschen an ganz bestimmte Handlungen bindet, also normiert? Daraus könnte ja dann auch eine Sinn- oder Bedeutungsgebung entstehen in Form einer technischen oder symbolischen Sozialität, die aber nicht das Ergebnis von menschlicher zielgerichteter Handlung ist. Hier ließe sich vielleicht in Analogie zu der Handlungsanweisung "Die Natur sei dem Menschen unterzuordnen" die Handlungsanweisung "Der Mensch muss sich der Kultur/Technik/Symbolik unterordnen" ableiten? Ich möchte jetzt natürlich auch nicht Ihre Zeit unnötig in Anspruch nehmen. Gerade im Bezug auf sprachliche Zeichen, in Ihrer Antwort schreiben Sie: "Welche gesellschaftlichen Ursprünge könnte der Begriff in sich bergen?" da frage ich mich, sind diese gesellschaftlichen Ursprünge tatsächlich rein menschlich? bzw. lässt sich 'Gesellschaft' auf Menschen reduzieren? Auf jeden Fall vielen Dank für Ihre Antwort, es hat mir sehr geholfen!


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