W7: Die Kritikkontroverse - E-Mail Beitrag

Sehr geehrter Herr Steinert,

Ihren Ausführungen in der E-Mail Debatte möchte ich mich mit folgendem Kommentar anschließen. Vor allem möchte ich mich hierbei auf den Kern der Kritischen Theorie beziehen, die Sie in Hinblick auf die Bedeutungszuschreibung hinterfragen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die theoretischen Grundprinzipien der kritischen Soziologie durch die von Herrn Georg Vobruba erarbeiteten soziologischen Positionen zu betrachten. Nach Vobruba ist von einer Kritikkontroverse in der Soziologie auszugehen, die sich in drei Positionen widerspiegeln: interne Kritik, gesellschaftsübergreifende Kritik, Kritik als Untersuchungsgegenstand. Dabei geht es nicht nur um eine Auseinandersetzung kritischer Ansichten, sondern auch um die Positionierung sowie Reflexion der Soziologie in der Gesellschaft sowie um das Verhältnis von Theorie und Praxis. Wenn wir uns vor allem auf die Rolle der Gesellschaft beziehen, ist anzumerken, dass Vebruba in modernen Gesellschaftsstrukturen die Begegnung mit einer „Pluralität an rivalisierenden Soll-Vorstellungen“ erkennt. Als Folge kann jede kritische Orientierung damit konfrontiert sein, selbst Gegenstand soziologischer Kritik zu werden.

Außerdem besteht die Wahrscheinlichkeit, dass theoretische Kritikvorstellungen durch die Existenz von Alternativvorstellungen aus der Gesellschaft eingeschränkt werden. In den von Vobruba genannten Begriffen der Theorie und Praxis spiegeln sich vor allem AkteurInnenpositionen wider. Wer ist in der soziologischen Kritikauseinandersetzung in Beziehung zur Gesellschaft involviert und mit welcher Rolle? Klar ist bei Vebruba, dass es sich hierbei um einen aktiven Charakter der soziologischen Kritik handelt, die die „Perspektive der Beobachtung zweiter Ordnung“ einnimmt. AkteurInnen sind damit in der Beobachtung sozialer Phänomene Objekte soziologischer Beobachtung. Zeitgleich stellen AkteurInnen auch Beobachtungen sozialer Phänomene, wodurch ein doppelter Charakter zustande kommt und ein praktischer Einblick in die Gesellschaft gelingt.

Ich stimme Ihnen jedoch zu, dass die Auseinandersetzung mit Kritik im Alltag und den „Soll-Vorstellungen“ gewisse Konfliktpotentiale aufweisen. Sie erwähnten nämlich, dass die Kritik, die sich gezielt mit der Loslösung von Herrschaftsstrukturen und Freiheit beschäftigen, eine Selbstreflexion mit dem „Selbstverständlichen“ voraussetzt. Die Gesellschaft befindet sich in diesem Interesse nämlich in einer Spaltung, da bspw., wie sie ausführten, Menschen in privilegierten Positionen diese Reflexion eher selten anstreben.

Georg Vebruba richtet sich dabei eher an eine Position gesellschaftlicher Akteure auf kollektiver Basis, als auch auf individueller. Die Unterscheidung und die Relevanz dieser Positionierung wird als eine wichtige Aufgabe der Soziologie benannt. Meiner Meinung nach könnte die Soziologie zwar durch den Einbezug der AkteurInnen der Gesellschaft, die er als „Leute“ benennt, einen Mehrwert für den kritischen Umgang mit Handlungskriterien der Soziologie bieten, andererseits können die Kontroversen der gesellschaftlichen Strukturen in weiteren Konflikterfahrungen resultieren. Ihr Hinterfragen von Begrifflichkeiten sowie das Messen ihrer Nähe zu Instrumenten soziologischer Kritik finde ich sehr hilfreich, um in Zukunft nicht nur bspw. den Begriff Theorie auszuschlissen, wenn man sich auf die Praxis bezieht, sondern beide Begriffe und ihre Definitionen in Verhältnismäßigkeit zur Kritik zu stellen.

mit freundlichem Gruß

Merve Uslu



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