Woche 3 - Horkheimer

Horkheimer stellt sich in seinem Aufsatz ,,Zur Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft“ der Frage, welche Vorstellung von Kritik auf die gegenwärtige Gesellschaft anzuwenden sei. Insbesondere, wie sie nicht nur zu kritisieren, sondern vorallem positiv-konstruktiv zu kritisieren ist, also so, dass dabei eine Verbesserung herbeigeführt werden kann.

Kritik steht heute vor einer großen Herausforderung, so Horkheimer: Denn aufgrund des Rückgangs des Einzelsubjekts und der immer schneller werdenden Verquickung der Gesellschaftsdynamik will es so scheinen, als sei die Kritik von Seiten des Individuums, das sich nicht gegen die graue, immer größer werdende Bürokratisierungsmaschinerie durchsetzen kann, ein sinnloses Unterfangen.

Inwiefern Kritik nun doch noch als treibende Kraft gelten könne, will Horkheimer von einem marxistischen Moment ausgehend untersuchen: Die Herrschaft des Bürgertums soll auf die Arbeiter übergehen. Das historische Endziel des Marxismus – das ,,Reich der Freiheit“ - bedeutet für Horkheimer vor diesem Hintergrund das notwendige Gegenstück zur Zersetzung und Entmenschlichung des autonomen Einzelnen. Jeder soll sich frei entfalten können. Das werde heute zum einen durch die genannte Bürokratisierung verhindert und im Rückgang, andererseits aber auch durch einen Übergang von Machtstrukturen von Einzelnen auf Gruppen. Das zeige sich am kritischsten in der Wirtschaft, wo die Entscheidungsgewalt z.B. an Komitees übertragen wird. Dieser Prozess der Abschaffung des Individuums sei kein Prozess, von dem die Gesellschaft schlechterdings nichts mitbekommt und einfach geschehen lässt; ohne die staatlichen Reglementierungen wäre es schon längst zu einer gewaltsamen Revolution gekommen. Zeichen davon zeigen sich in der protestierenden Jugendbewegung (seiner Zeit). Bedingt wird dieser Prozess, so Horkheimer in seiner Marx-Auslegung des ,,dialektischen Materialismus“, durch den ökonomischen Kampf des Menschen, die Natur beherrschen zu wollen. Die marx‘sche Hoffnung auf das ,,Reich der Freiheit“ bestand nun daran, diesen Zustand irgendwann zu überwinden, und Verhältnisse zu schaffen, in denen das Zusammenleben nicht durch diesen Herrschaftswunsch geprägt wird. ,,Alle jene, denen es ernst mit Kritik ist und ernst damit, eine andere

Zukunft vorzubereiten“, holt er daran anknüpfend aus, ,,haben nach dieser Theorie, wenn sie richtig ist, zu überlegen, was denn dann in dieser Freiheit, in der die Naturbeherrschung eine nicht sehr wichtige Seite der Existenz der menschlichen Gesellschaft geworden ist, was denn dann der Anreiz werden könnte, die Kräfte der Menschen weiter zu entwickeln?“

Das Problem mit diesem in gewisser Weise idealistischen Moment ist, dass es nicht durch ein theologisches Fundament gestützt wird. Damals war es der Glaube an Gott und das ewige Leben, welches das Handlungsmotiv des Menschen war. Heute aber ist der Glaube an die ,,wahre Welt“ so sehr zurückgegangen, dass die Autorität des Vaters keinen Halt in der Jugend mehr findet. Geist, Phantasie, Autonomie, so Horkheimer, seien davon genausosehr bedroht, wie es deren große Chance ist. Im Anblick dieser Gefahr gilt es, zu bestimmen, wie wir zu reagieren haben, um die positiven Grundzüge der vergangenen Struktur auf die neue zu übertragen. Es seien bei einer solchen Transformation einige wichtige Punkte zu berücksichtigen.

1. Das in der bürgerlichen Gesellschaft angelegte Ideal von Menschenwürde widerspricht in vielerlei Hinsicht der Realität. Deutschland ließe sich zuungunsten von kulturellen Zielen insbesondere von dem Wunsch nach Verteidigung bestimmen. Er scheint dabei die These zu vertreten, dass ein ernst gemeinter Wunsch nach Menschenwürde die kulturelle Bildung des Menschen nicht hinter eine Kriegsmaschinerie stellen würde.

2. Ebenfalls in kultureller Hinsicht erscheint die Wissenschaft, insbesondere die Geistes- und Kulturwissenschaft, verwahrlost. Wissenschaft und Philosophie glauben nicht mehr an eine Teleologie der Geschichte. Damit erscheint das gesamte Geschäft z.B. der Geschichtswissenschaft als sinnlos, weil sie sich nur noch auf die Erarbeitung von Tatsachen beschränkt, nicht aber auch deren Signifikanz für die Gegenwart und die Zukunft interpretiert. Das habe aber besonders in der universitären Pädagogik große Folgen. Ähnliches ergibt sich für andere Zweige der Wissenschaften, und Horkheimer scheint dabei anzusprechen, dass dies Teil eines weitaus größeren Problems ist: Die durch die umfassende Spezialisierung eintretende Fragmentierung der Wissenschaften, die sich einander nichts mehr angehen.

3. Die Schulpädagogik verpasst es, die große Bedeutung theologischer Strömungen (dazu gehören sowohl z.B. christliche Sekten, als aber auch atheistische Strömungen) für die heutige Zivilisation zu lehren. Der Grund dafür, warum dies wichtig sei, wurde oben bereits genannt: Aufgrund der sinngebenden Bedeutung theologischer Weltinterpretationen für die Existenz des menschlichen Daseins in der Welt.


Horkheimer geht es mit alledem im Grunde darum, sowohl die Dringlichkeit als auch die Gefahr unserer geschichtlichen Entwicklungsstufe herauszustellen und Denkanstöße dafür zu geben, was berücksichtigt werden muss, um eine Zukunft zu schaffen, die besser als gestern und heute ist, aber deren positive Strukturen beibehält. Er hat dabei eine marxistische Idealvorstellung eines Freiheitszustandes im Sinne, und es wäre meines Erachtens nach zunächst zu überlegen, inwiefern das Telos einer besseren Zukunft ohne solche Voraussetzungen zu denken sei.

Der Text wirkt ein wenig ,,wild“ und es ist nicht immer ganz einfach, den Fokus zu behalten und direkt zu sehen, weshalb Horkheimer über das spricht, worüber er gerade spricht. Man übersieht leicht einige Logiksprünge (um nicht zu sagen: Logiklücken) – warum ist z.B. die Bürokratisierung gerade eine Folge der (im Prozess befindlichen) Überwindung des Bürgertums? Am schwerwiegendsten aber ist die Annahme, die Überwindung der Naturherrschaft sei etwas, was wünschenswert sei – jedenfalls erscheint bei Horkheimer, bei all seiner Mahnung zur Vorsicht, das ,,Reich der Freiheit“ als selbst-evidentes Ideal, und auch wenn er fragt, welches Streben dann die Kräfte des Menschen steigern sollen, nicht (mehr) die Lust berücksichtigt, die es ist, zu herrschen: Wenn die Natur keine Rolle mehr spielt, ist es aber umso wahrscheinlicher, dass sich der Herrschaftswunsch umso stärker gegen die Mitmenschen richten wird, als es jemals auf Erden der Fall gewesen ist.

Zieht man alle ideologischen Voraussetzungen ab, bleibt aber doch die Erkenntnis wichtig: Der Menschheit fehlt ein Ziel, auf das sie sich ausrichten kann. Seine Analyse der Zersplitterung der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Instanzen, der Entfremdung des Einzelnen, und der Hinweis, dass sich diese Sachlage ins krasse Gegenteil entwickeln könnte, in eine ,,Automatisierung“ der Gesellschaft, bleiben wertvoll, wenn auch nicht unübertroffen. Es scheint in diesem Aufsatz schlechterdings nichts zu geben, was nicht vorher schon einmal gesagt wurde, aber die Synthetisierung von bereits Gesagtem und seine Anwendung auf die Moderne in seinem kritischen Blick sollten nicht unberücksichtigt bleiben – sofern man jedenfalls seine Ehrlichkeit (die zu ehren ist!) in diesem Satz nicht vergisst: ,,Ich bekenne mich zur kritischen Theorie; das heißt, ich kann sagen, was falsch ist, aber ich kann nicht definieren, was richtig ist.“



Comments

Eddie Hartmann teacher July 12, 2020, 10:21 AM

Ihr Beitrag ist insgesamt sehr gelungen, und zwar sowohl inhaltlich als auch sprachlich! Die in der Aufgabenstellung genannten Aspekte, die in dem Review zu berücksichtigen waren, sind in der Struktur Ihres Beitrags klar zu erkennen, ohne dass Sie sich akribisch an die darin enthaltene chronologische Struktur gehalten hätten. Stattdessen orientieren Sie sich in Ihrem Beitrag an einer inhaltlich Struktur, die zunächst Ihre eigene Lesart hervorhebt und dabei die für Sie zentralen Aspekte klar herausarbeitet. Dabei entsteht insgesamt eine sehr interessante Textdramaturgie, weil sofort deutlich wird, was die großen übergeordneten Punkte und Thesen Horkheimers sind, und was daraufhin - bei Ihnen die Punkte 1-3 - die untergeordneten Punkte, die dann aus dieser Perspektive in ein bestimmtes Licht gerückt werden könne. Sehr lesenswert insgesamt - vor allem auch vor dem Hintergrund der Aufgabenstellung, die im Verfassen eines Reviews lag. Liest man Ihren Beitrag und stelle sich vor, man habe den Ausgangstext selbst verfasst, hätte man eine ganze Reihe von inspirierenden Idee, wie man den eigenen Aufsatz konstruktiv überarbeiten könnte. Genau das ist gute Review-Arbeit!

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