Woche 3: Hochschule und soziale Ungleichheiten (Kapitel 3)

Kapitel 3:

Zuerst einmal wird ein Idealtypus eines vollkommen rational handelnden Studenten erstellt, mit dem man die Differenz zu dem tatsächlichen Studentenverhalten der verschiedenen Gruppen berechnen kann. Die rationalste Art des Studiums bestünde darin, „alle gegenwärtige Arbeit auf die Erfordernisse der beruflichen Zukunft abzustimmen und alle rationalen Mittel in Bewegung zu setzen, damit dieses ausdrücklich gesetzte Ziel so schnell und vollständig wie möglich erreicht werden kann“ (Bourdieu & Passeron: S. 79 f.).

Studieren bedeutet hier nicht zu produzieren, sondern sich selbst produktionsfähig zu machen/sich selbst zum Nutzer und Vermittler unserer Kultur zu machen. Doch dabei sprechen die Autoren von der Realität des Studierens als eine romantische Vorstellung von intellektueller Arbeit in Kombination mit der Ungeduld der Selbstdisziplinierung der eigentlichen Arbeit. Sie sprechen hierbei von 2 gegensätzliche Arten des Studenten: das Prüfungstier und den Dilettanten. Der Prüfungstier vergisst alles, außer die Prüfung und dabei verliert er aus den Augen, dass die Prüfung nur die Qualifikationen bestätigen sollte. Für den Dilettanten steht nur einen unendlichen Horizont des intellektuellen Abenteuers vor Augen. Er möchte ewiger Lehrling sein, ohne dabei die eigentlichen Ziele der Ausbildung jemals erreichen zu wollen. „In beiden Fällen geht es um dasselbe Bestreben, eine Gegenwart fiktiv erstarren zu lassen, indem sie verewigt oder verselbstständigt wird, obwohl sie doch objektiv ihre eigene Aufhebung fordert“ (Bourdieu & Passeron: S. 81)

Durch diese Mystifizierung der studentischen Situation bildet sich ebenfalls eine Mystifizierung der Funktion des Professoren. Dieses wechselseitig verbürgte Illusionierung, mit der verschleiert wird, dass die primäre Funktion der Universität die Reproduktion der kulturellen Werte und der sozialen Ordnung ist, wird darüber getragen, dass Professoren und Studenten dem jeweils anderen zugestehen, was sie von diesen erwarten: die Anerkennung der eigenen Begabung. „Weil es angenehmer und einfacher ist, an Gnadengaben als an die mühselige Handhabung irgendwelcher Arbeitstechniken zu glauben, verurteilen sich die Studenten ihrerseits zu einer Vorstellung vom Studienerfolg, der bei fehlender Begabung nur durch Magie beeinflusst werden kann“ (ebd. S. 89). Professoren erklären ihre Fähigkeiten und ihren Bildungserfolg, den sie jedoch selber mühsam erwerben mussten, als persönliche Begabung.

Die Distanzierung vom rationalen Idealtypus unterscheidet sich je nach den verschiedenen sozialen Schichten. Sie gelingt den Studenten aus den höheren Schichten eher als die aus den unteren und mittleren Schichten und eher den Männern als den Frauen. Den weiblichen Studentinnen gelinge es nicht die „Irrealität der Gegenwart“ (ebd. S. 77) durch die Verleugnung der realen Zukunft zu verdrängen. Sie bekommen die gleichen Chancen, aber hängen noch an der Vorstellung, die von traditionellen Mustern der Arbeitsteilung geprägt sind und entscheiden sich daher oftmals für Lehrberufe oder Ähnliches. Bourdieu und Passeron nennen zudem, dass Frauen ihren Bildungsstand bescheidener einschätzen als Männer und meistens unpolitischer sind.

Die Studenten der unteren Schicht sind eher gezwungen zu einer realistischen Zukunftsplanung zu tendieren, da sie mit dem Studium sich auf den Beruf vorbereiten wollen. Das ist ihre Chance in der gesellschaftlichen Hierarchie aufzusteigen. Ganz im Gegensatz zu den Studenten aus den oberen Schichten, die sich in das intellektuellen Spiel stürzen wollen/können, wegen der Sicherheit ihrer risikolosen Verachtung einer gesicherten Zukunft. Sie geben sich mit vagen Vorstellungen ihrer Zukunft zufrieden. Die Blindheit gegenüber soziale Ungleichheiten ermöglicht die Erklärung des Bildungserfolges als natürliche Ungleichheit oder als Ungleichheiten der Begabungen.

Zum Schluss kommen die Autoren auf das Beispiel einer Mutter und ihrem Sohn, welcher Schwierigkeiten mit seinen Schulnoten hat. Wenn eine Mutter sagt, ihr Kind sei schlecht in Französisch, macht sie sich selbst schuldig, denn die Leistung ihres Kindes ist unmittelbar durch die kulturelle Atmosphäre innerhalb der Familie bedingt. Zudem schließt sie voreilige Schlüsse, da sie keine Informationen über das Schulwesen hat und ihr Kind dadurch das Gefühl vermittelt, von Natur aus schlecht in Französisch zu sein. 



Join linkr for free today!

linkr is easy to use and will make your teaching more interactive