Woche 3: Was von Marx übrig bleibt

Der Autor des Textes ‚Zur Kritik der gegenwärtigen Geselllschaft‘ Max Horkheimer wirft die Frage auf, wie mit den Theorien von Marx die gesellschaftlichen Probleme Ende der 1960er-Jahre in Westdeutschland hinreichend erklärt werden könnten. Dazu nutzt er bedingt die marxistische Ideologiekritik, auf welche auch bei Jaeggi hingewiesen wird, jedoch dort insbesondere in Form des westlichen Marxismus, also der Kritischen Theorie.

Horkheimer geht davon aus, dass der Liberalismus in den westlichen Gesellschaften den Fehler gemacht habe, dass er den Privilegierten die Möglichkeit gegeben habe, sich zu befreien, diese Möglichkeit jedoch den Arbeitenden verwehrt geblieben sei. Daher nimmt er an, dass es Marx vor allem um die gesellschaftliche Befreiung der Arbeitenden innerhalb der zeitgenössischen Gesellschaft gegangen sei. Dass es den Arbeitenden innerhalb dieser Gesellschaftsordnung aber kaum möglich sein würde, sich tatsächlich zu befreien, übersieht Horkheimer.

Als folgenreich dürfte sich auch die provokative Feststellung erweisen, dass Marx im Grunde nicht Materialist, sondern Idealist gewesen sei. Ohne den grundsätzlichen Gehalt dieser Vermutung anzugreifen, kommt man bei der Beschäftigung mit Marx‘ Theorien nicht umhin, anzuerkennen, dass der Materialismus dabei eine entscheidende Rolle spielt. Natürlich hat Marx eine ideale Gesellschaftsordnung angestrebt, doch zentral ist hierbei, dass Marx nicht von einem langsamen Wandel oder einem allmählichen Übergang ausging, sondern von einer proletarischen Revolution, durch welche die Emanzipation erfolgen solle.

„Was ich neu tat, war 1. nachweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2., daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3., daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft führt.“ bzw. weiter: „zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann, als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“

Horkheimer denkt nun allerdings, anstatt zu überlegen, wie dieser Zustand zu erreichen sei, daran, wozu die befreiten Menschen einen solchen Zustand nutzen würden, und fragt, wo der weitere Daseinszweck in einem solchen Stadium bestünde. „All jene, denen es ernst mit Kritik ist und ernst damit, eine andere Zukunft vorzubereiten, haben nach dieser Theorie, wenn sie richtig ist, zu überlegen, was denn dann in dieser Freiheit, in der die Naturbeherrschung eine nicht sehr wichtige Seite der Existenz der menschlichen Gesellschaft geworden ist, was denn dann der Anreiz werden könnte, die Kräfte der Menschen weiter zu entwickeln?“

Doch da dieses Stadium, dass nach Marx der vollständig entwickelten kommunistischen Gesellschaft entspricht, noch gar nicht erreicht worden ist, und in kapitalistischen Gesellschaften noch nicht einmal der Schritt dahin, nämlich die proletarische Revolution, erfolgreich durchgeführt werden konnte, bleibt dies nur ein - obgleich spannendes – Gedankenspiel, das hier wohl zu weit führen würde.


Was jedoch zentral zu beachten wäre, ist die Untersuchung der kritikwürdigen Umstände der – zeitgenössischen – kapitalistischen Gesellschaft. Dazu bedarf es der Ideologiekritik.

In der marxistischen Ideologiekritik, auf welche sich Max Horkheimer als Teil der kritischen Theorie beruft, wird Ideologie als Täuschung beschrieben, die bewusst benutzt wird, um die herrschende Ordnung aufrecht zu erhalten. Im Falle der kapitalistischen Gesellschaftsordnung handelt es sich also um die vermeintlich legitime Ordnung, in der es den Bourgeois möglich ist, Grund und Boden an Produktionsmitteln zu besitzen, in denen sie unter dem Prinzip der billigsten Arbeitskraft, ergo, durch Ausbeutung, Profite erwirtschaften dürfen. Um diese unterdrückerische Ordnung gegenüber dem Proletariat aufrecht zu erhalten, benötigt die herrschende Klasse eine passende Ideologie.

Eine solche bietet etwa der Liberalismus, den Horkheimer bereits zu Beginn seines Textes kritisiert. Dieser legitimiert das kapitalistische System als freie Gesellschaftsordnung, verwehrt den Arbeitern aber gleichzeitig die ökonomische Gleichstellung mit den Privilegierten.

Denn obgleich in einer kapitalistischen Gesellschaft die absolutistische Ausbeutung aufgehoben wurde, ist die Gesellschaft nicht frei, da die Ausbeutung fortbesteht. Nicht ohne Grund bezeichnete Marx die Herrschaft des Kapitals auch als ‚Diktatur der Bourgeoisie‘.

Da dieses System durch die Ideologie, welche als Apologie dient, aufrechterhalten werden kann, und da eine herrschende Ideologie laut Jaeggi die Macht besitzt, andere Ideologien an den gesellschaftlichen Rand zu drängen und somit vom Zugang zur Macht fernzuhalten, sollte klar sein, warum es den Arbeitenden kaum möglich ist, sich innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu befreien.

Darum besteht laut Marx auch die Notwendigkeit einer Revolution, welche die materiellen Eigentumsverhältnisse im Sinne der Chancengleichheit ändert und das Ideal einer klassenlosen Gesellschaft aufstellt. Insofern ist diese Revolution selbst der Übergang in eine nichtkapitalistische Ordnung und dürfte die Frage, ob der Liberalismus trotz seiner Ungerechtigkeit den Menschen nun wenigstens zu einer juristischen Chancengleichheit geführt habe, ziemlich obsolet werden lassen.



Comments

Eddie Hartmann teacher July 9, 2020, 8:59 PM

Die großen Linien der Marx'schen Gesellschaftstheorie, an die Horkheimer in seinem Text anknüpft, werden in Ihrem Beitrag klar und deutlich umrissen. Dabei wird deutlich, dass Sie über sehr solide Grundkenntnisse verfügen, was diese Theorietradition angeht. Doch nicht nur das; es gelingt Ihnen darüber hinaus auch sehr schön, dieses Hintergrundwissen hier so einfließen zu lassen, dass sich der Leserin oder dem Leser mehr am Horkheimer-Text erschließen lässt, als wenn man ohne Ihren Beitrag davor stünde. Sie skizzieren mit anderen Worten in Ihrem Beitrag die großen Linien hinter dem Horkheimer-Text, an die dieser - größtenteils natürlich implizit - anknüpft. Was Ihr Beitrag dabei jedoch gewissermaßen (ob wissentlich oder nicht, kann ich nicht herauslesen) übergeht, ist die Thematik des drohenden Autonomie- oder Freiheitsverlust des Subjekts im Kontext kapitalistischer Vergesellschaftung, obwohl sie diesen Aspekt genau dort, wo Sie das Stichwort *Materialismus* aufgreifen, hätten einbringen und entfalten können. Aber ausgerechnet an dieser Stelle scheint mir in Ihrem Verständnis von Materialismus und Idealismus ein bedeutendes Missverständnis vorzuherrschen. Horkheimer greift damit im Grunde ein sehr altes Leitmotiv der Marx'schen Gesellschaftstheorie auf: Die Unfreiheit des Menschen währt so lange, wie sein Denken vom gesellschaftlichen Stand der Naturbeherrschung abhängt (solange das Sein also das Bewusstsein bestimmt). Solange dies der Fall ist, *gilt* gewissermaßen der Materialismus. Horkheimer schlägt dann aber interessanterweise vor, Marx so zu interpretieren, dass dieser nicht etwa Idealist war in dem Sinne, dass er sich eine >ideale Gesellschaft< als Reich der Freiheit vorgestellt hat, wie Sie in Ihrem Beitrag schreiben. Daher rührt die Bedeutung des Begriffs "Idealist" nämlich nicht. Vielmehr geht es für Horkheimer darum zu behaupten, dass Freiheit für Marx an die Bedingung gekoppelt ist, dass die Menschen in ihren Beziehungen zueinander, in ihren Beziehungen zur Natur sowie in ihren Beziehungen zu sich selbst eben nicht mehr abhängig sind von der Art und Weise, wie sie die Naturbeherrschung *gesellschaftlich organisieren*. Und genau diesen Aspekt bezieht Horkheimer dann auf Beobachtungen aus der Gegenwart - mit vergleichsweise pessimistischen Aussichten (Stichwort Bürokratisierung, Spezialisierung, Verwaltung bzw. verwaltete Welt, Kulturverlust und so weiter und so fort). Dieser Schwerpunkt kommt in Ihrem Beitrag quasi nicht vor, was in einem Review aber natürlich von Wichtigkeit wäre, da es hierbei im Kern immer darum geht, die Kernthesen eines zu begutachtenden Textes zu rekonstruieren und diese dann kritisch zu bewerten.

FP
Fabian Peter July 16, 2020, 8:59 PM
Replying to Eddie Hartmann

Sie haben angedeutet, dass es bei mir ein Missverständnis gibt zwischen dem Begriff einer "Idealgesellschaft" und dem, was Horkheimer unter dem Begriff Idealist versteht. Demnach wäre es klar, dass laut Horkheimer Marx einen Zustand angestrebt habe, in welchem die natürlichen materiellen Bedingungen nicht mehr das Bewusstsein formen würden, sondern dass dieses Bewusstsein sich frei vom Materialismus entfalten könne. Es gehe demnach also mitnichten um eine postrevolutionäre Idealgesellschaft, sondern um die geistige Befreiung der Menschen. Doch diesen Punkt habe ich noch nicht völlig begriffen. Wie muss man sich eine Befreiung des Geistes, der nicht mehr von materiellen Bedingungen determiniert ist, überhaupt vorstellen? Klar können die Menschen miteinander interagieren, ohne dass materielle Bedingungen eine Rolle spielen. Doch das würde unter den Bedingungen der Ungleichheit bedeuten, die Unterschiede zu negieren. Auch im Geiste kann sich eine solche Solidargesellschaft vorstellen, nach dem Motto "Alle Menschen werden Brüder", wie es in Freude schöner Götterfunken heißt. Doch gemeint ist sicher nicht die bloße juristische Gleichstellung, das wäre zu wenig. Auch bin ich nicht sicher, ob eine egalitäre Gesellschaftsform gemeint ist. Was ist denn nun damit gemeint?

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