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Um eine adäquate Negativdefinition(en) von Kultur aufstellen zu können, bedarf es einer Betrachtung der zwei konkurrierenden Perspektiven auf das Verhältnis zwischen Natur und Kultur. Nach dem ersten Deutungsmuster besitzt die Natur einen defizitären und verbesserungsbedürftigen Charakter. Es ist notwendig, dass der Mensch diese in einen sozialen Lebensraum konvertiert. Die Umwandlungsbedürftigkeit wird schon im Wort Kultur selbst deutlich, welches sich vom lateinischen Wort colere ableitet und so viel heißt wie „pflegen, bebauen, bestellen“. Aus der zweiten Perspektive wird die Natur hingegen als das Ursprüngliche, Reine und Gute aufgefasst. Dieses wird erst durch die Kultur verdorben und zu etwas Künstlichem, Fälschlichem geformt. Gemäß dieser Gegenüberstellung stellt für die einen die Weiterentwicklung der Kultur, für die anderen die Rückkehr zur Natur den zu erreichenden Finalzustand dar (vgl. S. 200).

Eine Negativdefinition von Kultur könnte also wie folgt lauten: Kultur ist nicht Natur, da die Natur im Gegensatz zur Kultur defizitär sowie verbesserungswürdig ist und der Mensch diese mithilfe der Kultur umwandeln muss, um darin erfolgreich und langfristig zu existieren (1. Perspektive). Außerdem ist Kultur nicht Natur, da die Natur etwas Ursprüngliches, Gutes darstellt und die gegenwärtige Welt durch den Einfluss der Kultur verdorben ist (2. Perspektive) (vgl. S. 200). 

Allerdings ist anzumerken, dass die Begriffe der Natur und Kultur in der heutigen Zeit nicht mehr allzu strikt voneinander getrennt werden können. Dies ist sowohl mit dem Tatbestand zu begründen, dass „es die Natur des Menschen sei, ein Kulturwesen zu sein“ (S. 200) als auch mit der Entwicklung, dass durch die erheblichen Eingriffe der Menschen in die Ökosysteme dieser Welt kaum noch/keine großräumige/n Naturflächen existieren. Außerdem können mit der Natur kulturell produzierte Unterschiede legitimiert werden (vgl. S. 200 f.). 


Max Weber begreift Kultur in seiner Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ als Weichensteller für Entwicklungen. Dementsprechend schafft die Kultur Werte, Normen, Ideen und Deutungsmuster, die die Motivationen und das Handeln der Menschen entscheidend prägen. Gemäß diesem Muster erklärt Weber, warum der Kapitalismus gerade in den Regionen entstand, in der der Protestantismus die vorherrschende Religion war (vgl. S. 202). 

Thorstein Veblen nähert sich der Kultur durch die Bedeutung des Konsums in der modernen Gesellschaft, welche er in „The Theory of the Leisure Class“ darlegt. Im Gegensatz zu vormodernen Gesellschaften ist die Akkumulation von Gütern nicht mehr ausschließlich in der Erfüllung der (Grund-)Bedürfnisse oder der Verbesserung des materiellen Lebens zu begründen, sondern auch durch das Streben nach Anerkennung und Prestige. Bestimmte Güter sind nun Mittel, um sich von anderen Menschen/gesellschaftlichen Schichten abzugrenzen (vgl. S. 203). 

Für Niklas Luhmann hat die Kultur eine weitaus geringere Bedeutung als bei den bisher vorgestellten Theoretikern. Nach Luhmann ist die Kultur sogar eine[r] „der ‚schlimmsten Begriffe, die je gebildet‘ (Luhmann 1995a, S. 398) worden sind“ (S. 209). Besonders störend empfindet Luhmann die umfassende Bedeutungsvielfalt des Kulturbegriffes. In den Augen des Systemtheoretikers „bedeutet Kultur nichts anderes als Vergleichen“ (S. 210). Dementsprechend können Phänomene und Prozesse je nach angewandtem Deutungsmuster unterschiedlich beobachtet und interpretiert werden. Trotz seiner abgezeichneten Abneigung lässt Luhmann den Kulturbegriff nicht ganz in seiner Theorie außen vor. Luhmann sieht in der Kultur jedoch keine integrations- oder sinnstiftende Funktion, keine Ansammlung aller gesellschaftlichen relevanten Werte, Ideen oder Objekte, sondern greift die Kultur vielmehr als reines Beobachtungsschema auf (vgl. S. 209 f.).




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