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Kultur ist innerhalb der Sozialwissenschaft ein vergleichbar diffuser Begriff wie „Gesellschaft“, „Zivilisation“ oder „Struktur“. Daher wird der Kulturbegriff zumeist als Mittel der Differenzierung und Unterscheidung genutzt und von dort aus definiert. So gibt es eine Vielzahl von Begriffspaaren die allgemeinhin als Gegensatz Paare verwendet werden.

Ein solches Gegensatzpaar wäre Natur/Kultur. Die Natur wird als das „ursprüngliche“ und „unversehrte“ aufgefasst. Kultur ist genau das nicht, Kultur ist gewissermaßen die vermenschlichte Natur (Schroer 2010: 200). Vermenschlicht meint hier, die Umwandlung der Natur nach den Bedürfnissen des Menschen.

Der Natur werden Attribute wie; ungezähmt, defizitär oder bedrohlich zugeschrieben. Die Kultur lässt sich dann als ein „danach“, als die vom Menschen gezähmte Natur verstehen. Aus diesem Blickwinkel also, ließe sich Natur – Kultur als eine zeitliche Abfolge interpretieren. Mit Luhmann oder Rousseau gedacht, ist die Natur ein erstrebenswerter Urzustand und die Kultur eine zerstörerische Kraft.

Pierre Bourdieu hat der Sozialwissenschaft einen wichtigen Beitrag geleistet, in Bezug auf die Auffassung der eben genannten Zeitfolge. In seinem Spätwerk „Die männliche Herrschaft“ (2005) zeigt Bourdieu, dass „Natur“ als Konzeption und als sozial wirkendes Konstrukt, weniger scharf von „Kultur“ getrennt werden kann, als es das vermeintliche Gegensatzpaar suggeriert. Die Kultur ist durchdrungen von sozialen Auffassungen über Natur und umgekehrt. Der Natur/Kultur Dualismus ist komplexer als dass er sich als reiner Gegensatz auffassen lassen kann.

Pierre Bourdieu hat rund 20 Jahre vor seiner Theorie der männlichen Herrschaft in „Die feinen Unterschiede“ (1983) eine weitere bedeutsame Theorie entworfen. Dort erweitert Bourdieu die weitgehend ökonomisch orientierten Theorien der Klassengesellschaft, um das Konzept des kulturellen Kapitals. In „Die feinen Unterschiede“ ist Kultur, oder auch genauer der „Lebensstil“, ein Modus der sozialen Distinktion und somit soziale Positionierungsstrategie. Für Bourdieu sind also sämtliche Ausdrücke von Kultur (Der Gang ins Theater, Kino, Fußballstadion oder das Tragen von Kleidung) ein Modus der Unterscheidung, dies insbesondere für die herrschende Klasse, sowie Strategie des sozialen Aufstiegs (prätentiöser Geschmack) der mittleren Klasse.

Der Kulturbegriff nach Niklas Luhmann lässt sich durchaus an Bourdieus anschließen. Luhmann ist grundsätzlich skeptisch, was die wissenschaftliche Verwendung des Begriffs Kultur anbelangt. Dennoch entwickelt er einen Kulturbegriff in seiner Theorie. In Luhmanns Systemtheorie spielt der Begriff insofern eine Rolle als dass er sozial eine Beobachtende Präsenz besitzt. Kultur ist ein Modus der Beobachtung welcher ermöglicht die Dinge „anders“ zu interpretieren. Der Begriff existiert nur anhand des Vergleichs. Für sich stehend ist der Kulturbegriff also wertlos. Die kulturspezifische Beobachtung ist nur möglich vor dem Hintergrund der Alternativen Verhaltensweisen. Durch die Mannigfaltigkeit der Interpretationsweisen, wird ein „unbefangenes Genießen“ verunmöglicht (Schroer 2010: 211).  





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