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Inwiefern ist Émile Durkheims Definition von Religion eine kulturelle Definition?

Durkheim definiert Religion wie folgt: „Eine Religion ist ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige, d.h. abgesonderte und verbotene Dinge, Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer und derselben moralischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören“ (Durkheim 1981, S.76). Seine Religionsdefinition hat eine starke kulturelle Komponente, da sie besonders auf kulturelle, gesellschaftliche Elemente wie Riten, Dogmen, Zeremonien und Mythen (vgl. ebd., S.60) aufmerksam macht. Diese sind menschengemacht und haben eine verbindende Komponente. Vergleichsweise geringer wird auf den christlichen Aspekt der Kirche als Institution eingegangen. Dieser ist allerdings auch von großer Bedeutung für die Religion.

Welche Methode benutzt er, um sich dem Phänomen der Religion anzunähern?

Durkheim rollt seine Definition des Religionsbegriffes von Hinten auf, indem er zuerst festlegt, was Religion nicht ausmacht. Er setzt sich zu Beginn das Ziel, die „primitivste und einfachste Religion“ ausfindig zu machen (Durkheim 1981, S.43), wofür er sich mit allen bekannten Religionen auseinandersetzt, die existieren (vgl. ebd., S.44).

Durkheim arbeitet zwei Eigenschaften aus, die als charakterisierend für Religion dargestellt werden und widerlegt diese Annahme gleichzeitig in seiner Schrift. Die erste Eigenschaft ist das „Übernatürliche“. Diese umfasst alles dem Menschen Unverständliche, Mysteriöse und ist besonders im Christentum von Bedeutung. Allerdings hat das Übernatürliche im Laufe der Geschichte mal mehr und mal weniger Bedeutung für den Menschen eingenommen (vgl. ebd., S.45) und konnte schon im 17. Jahrhundert problemlos neben der Wissenschaft existieren. Ein Phänomen, das so vielen Schwankungen unterliegt, kann deshalb für Durkheim nicht das Zentrum der Religion sein (vgl. ebd., S.46).

Die zweite Eigenschaft ist die „Göttlichkeit“. Hierzu zählen z.B. Seelen der Verstorben oder Geister, die Teil von Riten oder Kulten sind (vgl. ebd., S.51). Durkheim bezeichnet diese allerdings nicht als Götter, sondern als geistige Wesen (vgl. ebd., S.52). Zudem argumentiert er, dass es auch Religionen, wie den Buddhismus gibt, die keinen Gott (oder Götter) haben (vgl. ebd., S.53). Religion ist somit mehr als die Existenz von Göttern oder Geistern (vgl. ebd., S.60). Somit schließt er das Übernatürliche und das Göttliche als einzige Grundlage der Definition von Religion aus.

Daraufhin argumentiert Durkheim, das Religion nicht in ihrer Gesamtheit definiert werden kann, sondern nur in ihren Einzelteilen, die aus Riten, Dogmen, Zeremonien und Mythen bestehen (vgl. ebd., S.60). Er unterteilt religiöse Phänomene in Riten (Handlungsweisen) und Glaubenssätze (Vorstellungen, Meinungen). Religiöse Glaubenssätze helfen bei der Klassifikation von realen und idealen Dingen (vgl. ebd., S.61). Es wird in zwei binäre Klassen unterteilt: die profanen Dinge und die heiligen Dinge. Diese unterschieden sich durch ihren religiösen Charakter. Ein Baum kann beispielsweise auch heilig sein, wenn er religiös behaftet ist (vgl. ebd., S.62). Wenn die heiligen Dinge in einer Beziehung zueinanderstehen und ein System bilden, dann entsteht aus der Summe der Glaubenssätze und Riten eine Religion (vgl. ebd., S.67).

Zuletzt differenziert Durkheim noch zwischen Magie und Religion. Der größte Unterschied stellt die Tatsache dar, dass es keine magische Kirche gibt. Zwischen den Individuen und dem Magier gibt es somit keine längerfristige Beziehung, wie es bei der Religion durch die Kirche der Fall ist. Es fehlt der Magie im Vergleich zur Religion an der Kollektivität (vgl. ebd., S.72).

Welche weiteren gesellschaftlichen Klassifikationen sind von Dualität oder Binarität geprägt?

Das Geschlecht ist immer noch geprägt von einer Binarität. Es wird noch zwischen Mann und Frau oder weiblichen oder männlichen Eigenschaften unterschieden, obwohl wir aus heutiger Sicht wissen, das Gender nur ein soziales Konstrukt ist und es nicht nur zwei Geschlechter gibt.


Literaturverzeichnis:

Durkheim, Émile (1981[Erstauflage 1912]) Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Suhrkamp: Frankfurt am Main, S. 43-76.



Comments

JG
Jonathan Gruhler teacher avril 26, 2021, 10:37

Eine sehr gute Beobachtung, die Sie hier anstellen, dass der Institutionscharakter der Religion eben nicht thematisisert wird. In seiner Methode ist es zentral auch die Gesellschaften zu untersuchen, welche nicht so stark ausfifferenzierte Klassifikationssysteme haben, wie die modernen westlichen, um zum Kernund damit zu einer allgemeingültigen Definition der Religion zu gelangen. Man kann seine Religionsdefinition eben deshalb als kulturell bezeichnen, weil diese ausschließlich auf der ideelen Spähre der Glaubenssätze und Handlungen beruht und nicht, wie (vielleicht) in unsererm jetzigen Verständnis auch zusätzlich an Strukturen und Interessen gekoppelt ist.


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